Urs Niggli über nachhaltige Zukunft in der biologischen Landwirtschaft

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Urs Niggli Nachhaltige Zukunft in der biologischen Landwirtschaft
Urs Niggli

Urs Niggli gehört zu den weltweit führenden Forschern für biologische Landwirtschaft. Der langjährige Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) wird in Fachkreisen sehr geschätzt und zu Rate gezogen. Das Forschungsinstitut FiBL bereitet den Weg für Bio im Landbau und im Handel. Im Interview spricht der 67-jährige Agrarwissenschaftler darüber, wie wir uns ernähren können – für eine bessere Umwelt.

Interview mit Professor Urs Niggli, Agrarwissenschaftler und Direktor Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL)

Urs Niggli, Sie sind seit über 30 Jahren sehr erfolgreicher Direktor des FiBL. Wie geht Ihre Arbeit seit Ihrer Pensionierung weiter?

Wenn man 30 Jahre an einem wichtigen Thema dran war, dann hat man viele Menschen kennengelernt und sich ein grosses Wissen angeeignet. Unsere Ernährungsweise und unsere Landwirtschaft müssen nachhaltiger werden, heute mehr denn je. Ich möchte in Zukunft auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene dieses Thema als unabhängiger Wissenschaftler einbringen.

Sie machen nachhaltige Agrarforschung in Europa. Wie wird dies für uns Laien sichtbar?

Der Zweck der Forschung in angewandten Gebieten wie der Landwirtschaft und Ernährung ist es, dass schlussendlich Landwirte, Lebensmittelhersteller und –händler, Kosumenten und Konsumentinnen sowie auch Bürgerinnen und Bürger mehr wissen und sich verändern. Es geht nicht um den moralisierenden Zeigefinger. Es geht um bessere Techniken und Handlungen. Wenn zum Beispiel eine Landwirtin ein gutes natürliches Mittel – etwa einen Pflanzenextrakt – hat, um die Kartoffeln vor Kraut- und Knollenfäule zu schützen, dann spritzt sie nicht mehr chemische Fungizide. Oder wenn ein Konsument beim Einkaufen bei jedem Produkt im Regal stets die Wahl zwischen Bio und Nicht-Bio hat und der Preisunterschied nicht zu gross ist, weil der konventionelle Bauer auf Pestiziden und chemischen Düngern eine Umweltabgabe bezahlen musste, dann handeln Konsumentinnen und Konsumenten automatisch richtig.

Wir wollen zwar alle Umwelt und Klima schonen, doch wir verschwenden Lebensmittel, leben ein luxuriöses Leben mit Flugzeug- und Autoreisen. Wie sollen wir uns ernähren, ohne dass unser Weltbild zerstört wird?

Der moderne Mensch lebt überall auf der Welt auf zu grossem Fusse. Das gilt auch in Afrika, wo eine neue breite Elite sich auf den Weg machte, das Wohlstandsgefälle zu Europa und den USA aufzuholen. Dieser moderne Menschentypus hat noch nicht gelernt, sparsam mit den natürlichen Ressourcen und der Energie umzugehen. Da es bei der Ernährung relativ einfach wäre, sollten wir damit beginnen: Jede Familie kann ohne Lebensqualitätseinbussen die Verschwendung von Lebensmitteln halbieren. Das hat auch etwas mit Respekt vor der Arbeit der Bauernfamilien zu tun. Und essen wir doch nur noch halb so viele Schweinsteaks und Poulet-Schenkeli.

Sie sind Forscher der biologischen Landwirtschaft. Könnten wir uns ganz von Biolandbau ernähren?

Ja nur, wenn die Menschen die gerade erwähnten zwei Empfehlungen befolgen würden. Sonst ist die Landwirtschaft bis zu einem Stillstand im Bevölkerungswachstum gezwungen, immer mehr zu produzieren. Die Bauern können das und die Wissenschaft findet immer neue Lösungen. Aber richten wir damit nicht zu viele Schäden an der Natur und der Umwelt an?

Warum ist Biodiversität wichtig?

Was gefällt Ihnen besser, ein blaugrüner, fetter Grasbestand oder eine liebliche Wiese mit Pippau, Flockenblume, Kerbel oder Klappertopf? Natürliche Vielfalt hat aber auch einen ökonomischen Nutzen. Die Bienen und andere Insekten bestäuben Obstbäume, Hecken und Blühstreifen sind der Lebensraum von Marienkäfer und Schlupfwespen, welche Schädlinge in der Landwirtschaft dezimieren und Milliarden von Pilzen, Bakterien und Kleinsttieren sorgen im Boden dafür, dass die Kartoffeln und andere Pflanzen wachsen.

Weniger Bodenbearbeitung macht den Ackerbau klimafreundlicher. Bitte erzählen Sie uns, was Sie damit meinen.

Als der Mensch vor mehr als 10’000 Jahren lernte, in den Boden mit einer Astgabel und einer Kuh eine Furche zu ziehen und beobachtete, dass die Körner, die er ansäte grösser wurden, entdeckte er ein wichtiges Prinzip, nämlich, dass im durchlüfteten Boden die Lebewesen sofort begannen, Humus abzubauen und so die Pflanzen besser ernährten. Humus abbauen bedeutet aber immer auch eine Veratmung von organischem Material zu CO2. Man sieht das gut im Grossen Moos zwischen dem Murten- und dem Neuenburgersee, wo die einst dicke Schicht von Schwarzerde sich langsam aufbraucht. Veratmetes CO2 in der Atmosphäre verursacht die Erwärmung der Erde. Heute hat die Agrartechnik die Möglichkeit, Landwirtschaft auch ohne ständiges Pflügen zu ermöglichen.

Wie stehen Sie, Urs Niggli, zu modernen Technologien. Ist ein Roboter, der pflügt, jätet oder sät unsere Zukunft für den Ackerbau?

Davon bin ich überzeugt, denn es wohnen immer mehr Menschen in Städten und wenige sehen ihre Zukunft in landwirtschaftlichen Berufen. Aber es gibt zum Glück auch einen zweiten Trend: Die Wertschätzung einer regionalen, kleinbetrieblichen oder handwerklichen Lebensmittelerzeugung. Beides hat eine Zukunft, wie wir das auch in anderen Bereichen sehen. Von Montag bis Freitag essen wir Brote aus der Grossbäckerei und am Sonntag ein unglaublich ‘köschtiges’ und mit viel Liebe hergestelltes Brot vom Bauernmarkt.

Urs Niggli, haben Sie Wünsche an uns Konsumenten?

Vernünftig essen würde viele Probleme lösen. Wir hätten eine andere, sehr umweltschonende Landwirtschaft, wir wären gesünder und schlanker, wir hätten eine (noch) schönere Landschaft in der Schweiz und wir würden weniger Umwelt- und soziale Probleme exportieren. Einige Hinweise, was vernünftig essen heisst, habe ich jetzt gegeben.

Versprochen Urs Niggli. Wir nehmen Ihre Hinweise sehr ernst. Herzlichen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.

Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL)

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen zur biologischen Landwirtschaft. Es hat Standorte in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Frankreich und mit FiBL Europe eine Vertretung in Brüssel (Belgien). Die Stärken des FiBL sind interdisziplinäre Forschung, gemeinsame Innovationen mit Landwirten und der Lebensmittelbranche, lösungsorientierte Entwicklungsprojekte und ein rascher Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis. Das FiBL verfügt über Kompetenzen in allen Belangen der biologischen Landwirtschaft: Bodenbewirtschaftung und Pflanzenbau, artgerechte Tierhaltung und ganzheitliche Tiergesundheit, sozioökonomische Belange, biologische Lebensmittelverarbeitung sowie umfassende Analysen des Biomarktes. Massgeschneiderte Beratung und aktuelle Kurse sowie die Bereitstellung von Fachinformationen (Studien, Merkblätter, Fachbücher, Internetportale) haben – neben der praxisrelevanten Forschung – einen hohen Stellenwert.

Bildlegende: Urs Niggli gehört zu den weltweit führenden Forschern für biologische Landwirtschaft. @FiBL

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